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Heinrich Heine
Lutetia – Erster Teil






XXVIII

Paris, 6. Januar 1841


Das junge Jahr begann wie das alte mit Musik und Tanz. In der Großen Oper erklingen die Melodien Donizettis, womit man die Zeit notdürftig ausfüllt, bis der Prophet kommt, nämlich das Meyerbeersche Opus dieses Namens. Vorgestern abend debütierte Mademoiselle Heinefetter mit großem, glänzenden Erfolg. Im Odéon, dem italienischen Nachtigallennest, flöten schmelzender als je der alternde Rubini und die ewig junge Grisi, die singende Blume der Schönheit. Auch die Konzerte haben schon begonnen in den rivalisierenden Sälen von Herz und Érard, den beiden Holzkünstlern. Wer in diesen öffentlichen Anstalten Polyhymnias nicht genug Gelegenheit findet, sich zu langweilen, der kann schon in den Privatsoireen sich nach Herzenslust ausgähnen: eine Schar junger Dilettanten, die zu den fürchterlichsten Hoffnungen berechtigen, läßt sich hier hören in allen Tonarten und auf allen möglichen Instrumenten; Herr Orfila meckert wieder seine unbarmherzigsten Romanzen, gesungenes Rattengift. Nach der schlechten Musik wird lauwarmes Zuckerwasser oder gesalzenes Eis herumgereicht und getanzt. Auch die Maskenbälle erheben sich schon unter Pauken- und Trompetenschall, und wie mit Verzweiflung stürzen sich die Pariser in den tosenden Strudel des Vergnügens. Der Deutsche trinkt, um sich von drückender Sorgenlast zu befreien; der Franzose tanzt den berauschenden betäubenden Galoppwalzer. Die Göttin des Leichtsinns möchte gern ihrem Lieblingsvolke allen trüben Ernst aus der Seele hinausgaukeln, aber es gelingt ihr nicht; in den Zwischenpausen der Quadrille flüstert Harlekin seinem Nachbar Pierrot ins Ohr: »Glauben Sie, daß wir uns dieses Frühjahr schlagen müssen?« Selbst der Champagner ist unmächtig und kann nur die Sinne benebeln, die Herzen bleiben nüchtern, und manchmal, beim lustigsten Bankett, erbleichen die Gäste, der Witz stirbt auf ihren Lippen, sie werfen sich erschrockene Blicke zu – an der Wand sehen sie die Worte: »Mene, Tekel, Peres!«

Die Franzosen verhehlen sich nicht das Gefahrvolle ihrer Lage, aber der Mut ist ihre Nationaltugend. Und am Ende wissen sie sehr gut, daß die politischen Besitztümer, die ihre Väter mit kampflustigster Tapferkeit erworben haben, nicht durch duldende Nachgiebigkeit und müßige Demut bewahrt werden können. Selbst Guizot, der so unwürdig geschmähte Guizot, ist keineswegs gesonnen, den Frieden um jeden Preis zu erhalten. Dieser Mann behauptet zwar einen unerschrockenen Widerstand gegen den anstürmenden Radikalismus, aber ich bin überzeugt, daß er sich mit derselben Entschlossenheit dem Andrang absolutistischer und hierarchischer Bestrebungen entgegenstemmen würde. Ich weiß nicht, wie groß die Zahl der Nationalgardisten war, die beim kaiserlichen Leichenbegängnisse »A bas Guizot!« riefen; aber ich weiß, daß die Nationalgarde, verstünde sie ihre eigenen Interessen, ebenso verständig wie dankbar handeln würde, wenn sie gegen jene schnöden Rufe öffentlich protestierte. Denn die Nationalgarde ist am Ende doch nichts anderes als die bewaffnete Bourgeoisie, und eben diese, gefährdet zu gleicher Zeit durch die intrigierende Partei des alten Regimes und die Prädikanten einer Babeufschen Republik, hat in Guizot ihren natürlichen Schutzvogt gefunden, der sie schützt nach oben wie nach unten. Guizot hat nie etwas anderes gewollt als die Herrschaft der Mittelklassen, die er durch Bildung und Besitz dazu geeignet glaubte, die Staatsgeschäfte zu lenken und zu vertreten. Ich bin überzeugt, hätte er in der französischen Aristokratie noch ein Lebenselement gefunden, wodurch sie fähig gewesen wäre, zum Heil des Volkes und der Menschheit Frankreich zu regieren, Guizot wäre ihr Kämpe geworden, mit ebenso großem Eifer und gewiß mit größerer Uneigennützigkeit als Berryer und ähnliche Paladine der Vergangenheit; ich bin in gleicher Weise überzeugt, daß er für die Proletarierherrschaft kämpfen würde, und zwar mit strengerer Ehrlichkeit als Lamennais und seine Kreuzbrüder, wenn er die untern Klassen durch Bildung und Einsicht reif glaubte, das Staatsruder zu führen, und wenn er nicht einsähe, daß der unzeitige Triumph der Proletarier nur von kurzer Dauer und ein Unglück für die Menschheit wäre, indem sie, in ihrem blödsinnigen Gleichheitstaumel, alles, was schön und erhaben auf dieser Erde ist, zerstören und namentlich gegen Kunst und Wissenschaft ihre bilderstürmende Wut auslassen würden.

Guizot ist jedoch kein Mann des starren Stillstandes, sondern des geregelten und gezeitigten Fortschritts, und die Zukunft wird diesem Manne die glorreichste Gerechtigkeit widerfahren lassen. Vielleicht wird dergleichen ihm schon in der nächsten Gegenwart zuteil: er braucht nur das Hôtel des Capucines zu verlassen. Würde er in diesem Fall wieder seinen Gesandtschaftsposten in London antreten? Würde er, trotz seiner Sympathie für England, jenes neue Ministerium unterstützen, das eine Allianz mit Rußland träumt? – Es ist möglich, denn im Fall man Frankreich zum Kriege zwänge, würde Guizot, alle revolutionären Mittel verschmähend, nur politischen Allianzen nachstreben. »Können wir, trotz aller Opfer und Mäßigung, den Frieden nicht aufrechterhalten, so werden wir den Krieg als eine Macht (puissance) führen und nicht als ein lärmender Haufen (cohue)« – so äußerte sich Guizot im vertrauten Salon. Hierin liegt aber der Hauptgrund, weshalb ihm alle jene Leute gram sind, die nur von einer Propaganda den Sieg erwarten und sich dabei als notwendige Werkzeuge wichtig machen wollen. Das sind namentlich die Journalisten, die ihrer Feder alle mögliche Hülfswirkung zutrauen. »Das Beste in der Welt ist eine baumwollene Nachtmütze« – sagt der Bonnetier, und die Journalisten sagen: »Das Beste ist ein Zeitungsartikel!« Wie sehr sie sich irren, erfuhren wir in jüngster Zeit, wo die propagandistischen Phrasen des »National«, des »Courrier franšais« und des »Constitutionnel« soviel Mißmut in Deutschland erregten. Da waren die Väter weit praktischer: als sie die kosmopolitischen Ideen der Revolution in Gefahr sahen, suchten sie Hülfe im Nationalgefühl. Die Söhne, welche ihre Nationalität bedroht sehen, nehmen ihre Zuflucht zu den kosmopolitischen Ideen; – diese aber treiben nicht so mächtig zur Tat wie jene begeisternden Erddünste, die wir Vaterlandsliebe nennen.

Ob im Falle eines Krieges die russische Allianz für die Franzosen heilsamer sei als die Propaganda, daran zweifle ich. Durch letztere wird nur ihre zeitliche Gesellschaftsform bedroht, erstere aber gefährdet das Wesen der Gesellschaft selbst, ihr innerstes Lebensprinzip, die Seele des französischen Volks.






© Wolfgang Fricke