» Startseite » Dokumente » Heinrich Graetz – Blutanklage von Damaskus im Jahr 1840

Heinrich Graetz
Blutanklage von Damaskus im Jahr 1840
(Auszug aus »Geschichte der Juden« (aus Band 11, 2. Auflage von 1900, S. 481 bis 510)

Heinrich Heine berichtete in mehreren Artikeln für die »Augsburger Allgemeine Zeitung« über die Ereignisse in Damaskus.




Das Jahr 1840 und die Blutanklage von Damaskus


[. . .]

In Damaskus, welches damals von 5000 jüdischen Familien, fast 20 000 Seelen, bewohnt war, verschwand eines Tages (1. Adar = 5. Febr. 1840) der Guardian eines Kapuzinerklosters aus Sardinien, Pater Tomaso (Thomas) mit seinem Diener. Er war kein Heiliger im katholischen Sinne, vielmehr ein Lebemann, der gerne Geld nahm, aber ungern gab. Er hatte sich mit Arzneipfuscherei, besonders mit Pockenimpfen, beschäftigt, und ebenso oft jüdische und mohammedanische Quartiere wie christliche besucht, um sein Handwerk auszuüben. Was ist aus dem der ganzen Bevölkerung von Damaskus wohlbekannten Pater geworden? Niemand wußte es genau anzugeben. Es war allerdings ein Gerücht laut geworden, daß Tomaso einige Tage vorher einen heftigen Wortwechsel mit einem türkischen Maultiertreiber gehabt, der wegen vernommener Lästerung Mohammeds geschworen haben soll: „Der Christenhund soll von keiner anderen Hand als der meinen sterben.“ Es soll dabei zu Beleidigungen und Tätlichkeiten gekommen sein; der Pater habe den Muselmann und seine Religion so arg verflucht, daß ein dabei anwesender türkischer Kaufmann seinen Zorn darüber kaum habe an sich halten können. Sobald das Verschwinden des Pater Guardian Gewißheit und sein Tod durch Gewalt wahrscheinlich geworden war, bestürmten die Mönche den französischen Konsul in Damaskus, jenen gewissenlosen Ratti-Menton, dem Mörder nachzuspüren. Sogleich wurde die Aufmerksamkeit auf die Juden gelenkt, weil einige derselben harmlos ausgesagt hätten, sie hätten Tomaso und seinen Bedienten am Abende vor dessen Verschwinden im Judenquartier gesehen. Die Mönche, und unter ihnen besonders ein fanatischer Judenfeind Pater Tusti, klammerten sich um so fester an den Verdacht gegen die Juden, weil sie dadurch mehrere Zwecke zu erreichen glaubten. Sie konnten ihren Haß an den Juden sättigen, die Untersuchung unterdrücken, daß Pater Tomaso mit Muselmännern einen Streit gehabt und Lästerungen ausgestoßen habe – wodurch sie den Fanatismus der Türken auf sich gezogen sahen – und endlich einen neuen Märtyrer, von den Juden gemordet, in ihre Heiligenschar aufnehmen, was immer gewinnbringend war. Ratti-Menton erfaßte aus gewinnsüchtigen Absichten seinerseits schnell diesen Verdacht gegen die Juden und unterließ jede anderweitige Nachforschung, obwohl ein Fingerzeig dafür vorhanden war, da der türkische Kaufmann, der beim Streit mit dem Pater zugegen war, sich erhängt hatte. Der Gouverneur von Damaskus Scherif Pascha war leicht dazu zu bewegen, die Verfolgung der Juden zu gestatten oder anzustellen, da er es mit dem französischen Konsul nicht verderben wollte und seinerseits von einer Blutanklage gegen die Juden bedeutenden Gewinn zu ziehen hoffte. Um den Schein zu retten, beriefen sich die Ankläger auf die Aussage eines frommen Gauklers, welcher versicherte, Tomaso und sein Diener seien im Judenquartier in diesem und diesem Hause ermordet worden. Dieses Kunststück hat wohl Bachari Bey zustande gebracht. Der türkische Schelm Mohammed El-Telli bot Ratti-Menton seine Spionagedienste an, wenn er ihn aus dem Kerker und von den Schulden befreien wollte. Gern nahm dieser sie an; die beiden Wichte waren einander würdig.

Bald häuften sich die Inzichten. Christen sagten aus, sie hätten von Juden die Worte gehört: „Schließen wir die Pforten und gehen wir nicht aus, es ist Gefahr vorhanden“ oder „sie hätten den Pater kurz vor seinem Verschwinden im Hause eines Juden gesehen“. Kurz, die Anklageakte war schnell fertig: „Die Juden haben Tomaso und seinen Diener ermordet“, um sich des Blutes für ihre Passahfeier zu bedienen — lächerlich genug, um es sechs Wochen aufzubewahren. Für Aufreizung der Christen und des türkischen Pöbels wurde auch gesorgt. Mehrere Juden wurden ergriffen und vor Ratti-Menton geführt und verhört. Ein armer jüdischer Barbier zeigte aus angeborener Furcht in Gegenwart der Auflaurer beim Verhör Verwirrung. Aber er leugnete fest jede Teilnahme und jede Kunde vom Morde des vermißten Paters. Nichtsdestoweniger übergab ihn der französische Konsul dem Scherif Pascha als stark Verdächtigen zur Untersuchung. Dieser ließ ihm die Bastonade, d. h. 500 Stockschläge auf die Sohlen geben. Diese Folter schien aber Ratti-Menton noch zu milde. Die christliche Liebe kannte wirksamere Mittel und hat sie mehr als einmal bewährt gefunden. Der arme Barbier wurde den härtesten Martern unterworfen, blieb aber standhaft. Da ließ man ihm im Kerker einen Besuch von jenem Schurken Mohammed El-Telli abstatten, welcher wegen Schulden im Gefängnisse saß. Durch dessen trügerisches Zureden ließ sich der Barbier, dem neue Folterqualen in Aussicht standen, herbei, Schuldige zu nennen. Er nannte — auf Eingebung — sieben der angesehensten und reichsten Juden, David Arari (Harari), dessen Sohn und Brüder, ferner Mose Abulasia, Mose Saloniki und Joseph Laniado, einen Greis von 80 Jahren. Sogleich verhaftet und verhört, stellten die Angegebenen jede Schuld in Abrede. Die Bastonade wurde angewendet; aber da die Henker fürchteten, die Greise würden den Streichen erliegen, und man würde deren erpreßte Geständnisse nicht verwerten können, so wendeten sie eine andere Qual an. Sechsunddreißig (nach anderen fünfzig) Stunden mußten sie, von Soldaten bewacht, aufrecht stehen, ohne Speise und Trank, ohne sich dem Schlafe überlassen zu können. Da diese Qual nicht anschlug, schritten die Wüteriche auf Ratti-Mentons Wink zu mörderischen Rutenschlägen; beim zwanzigsten Schlag sanken die Unglücklichen ohnmächtig zusammen. Der französische Konsul ließ nichtsdestoweniger die Geißelung an ihnen beim Erwachen fortsetzen. Aber alles das führte kein Geständnis herbei. Scherif Pascha erfand noch eine neue Folter oder führte eine ihm eingegebene aus. Mehr als sechzig Kinder zwischen drei bis zehn Jahren wurden den Eltern entrissen, in ein Zimmer eingesperrt und ihnen die Nahrung entzogen, damit die Mütter, schmerzdurchwühlt durch das Wimmern und Wehklagen der Kinder, Geständnisse, wenn auch unwahre, ablegen sollten. Auch dieses Mittel schlug fehl. Die jüdischen Mütter haben trotz der Erbarmens über ihre Kinder die schändliche Anklage mit keinem Hauche bestätigt. Nur eine Frau und deren Tochter haben sich vor Schmerz und aus Liebe zu ihren verschmachteten Kindern zum Islam bekehrt. Scherif Pascha geriet in Wut und drohte, es würden viele jüdische Köpfe fallen, wenn der Pater nicht gefunden werden sollte. Mit einer Schar Soldaten begab er sich (18. Februar) in das Judenquartier, und ließ das prachtvolle Haus David Araris zerstören, um die Leiche des Paters oder auch verdächtige Spuren zu finden. Auch in den Häusern der übrigen Angeklagten richtete er Zerstörung an. Von Schmerz über so viel Grausamkeit ergriffen, wagte ein jüdischer Jüngling, sich zum Pascha zu begeben und Zeugnis abzulegen, er habe den Pater Tomaso kurz vor seinem Verschwinden in den Kaufladen eines Türken eintreten sehen. Statt dieser Spur zu folgen, wendete Ratti-Menton und sein Geheimschreiber Baudin allen Eifer an, diese Stimme verstummen zu machen. Der Jüngling wurde so unbarmherzig zerschlagen, daß er noch in derselben Nacht den Geist aushauchte. Der erste Märtyrer in dieser Tragödie.

Ratti-Menton war unerschöpflich in Mitteln, ein Geständnis von den Juden erpressen zu lassen. Er ließ einen Versuch mit David Araris türkischem Diener Murad el Fallat anstellen. Auch dieser hatte nichts zu gestehen und ließ die Rutenstreiche über sich ergehen, die seinen Leib fast zerfetzten. Da machte sich Mohammed El-Telli auch an ihn heran und brachte durch Freundlichkeit und Drohung mehr aus ihm heraus. Der Diener klagte sich selbst an (27. Februar), er habe auf David Araris Geheiß im Beisein der übrigen Angeklagten Tomaso getötet. Der jüdische Barbier wurde bewogen, seine Aussage zu bestätigen. Verstümmelt, ließ Ratti-Menton beide an einen Platz führen, wo angeblich Knochen und Schädel in einen Kanal geworfen sein sollten. Ratti-Menton fand ein Stück Knochen und einen Lappen; christliche Ärzte erklärten diesen Knochen für einen Teil des Menschengebeins, der Lappen galt als Barett des Paters. So hatte man sichtbare Beweise von dem Morde im Judenquartier. Die sieben Angeklagten wurden darauf von neuem verhört und grausamen Folterqualen unterworfen. Sie sollten die Flasche Blut herbeischaffen, welches von den Gemordeten für das Passahfest aufgesammelt worden sei. Der Greis Joseph Laniado erlag den Schmerzen. Mose Abulasia nahm, um den Qualen zu entgehen, den Turban. Die übrigen sagten vor Schmerz aus, was man von ihnen verlangte; sie waren stumpf geworden und wünschten einen raschen Tod. Dieses Geständnis half ihnen aber nicht viel. Der französische Konsul wünschte handgreifliche Beweise, die mit dem Blute gefüllte Flasche und dergleichen. Aber diese konnte beim besten Willen nicht herbeigeschafft werden. Neue Foltern wurden angewendet; aber diese brachten die armen Opfer nur dahin, ihre früheren Geständnisse zurückzunehmen. Da Ratti-Menton neue Opfer brauchte, so wurde Araris Diener abermals dazu benutzt. Der Verdacht wurde (Anfang März) auf andere angesehene jüdische Familien gewälzt, auf die hochangesehene Familie Farchi (Parchi), auf einen jungen Mann Isaak Levi Picciotto (Peixotto) und auf Aaron Stambuli. Drei Rabbinen von Damaskus Jakob Anteri, Salomon und Asaria Halfan waren schon früher eingezogen, mißhandelt und gefoltert worden, ohne daß eine Lüge aus ihrem Munde erpreßt worden wäre. Von den sieben angesehenen Juden, die in die Anklage des Mordes verwickelt werden sollten, fand man nur zwei, Raphael Murad Farchi, der durch seine Würde als Konsul sich sicher glaubte, und Picciotto, Neffen des Generalkonsuls von Aleppo, vom österreichischen Kaiser wegen seiner Verdienste zum Ritter erhoben. Auf seine österreichische Untertanenschaft vertrauen, war Picciotto geblieben, während die übrigen entflohen waren. Durch Durchpeitschen eines Kindes im Beisein der Mutter wurde der Versteck eines dritten, Meïr Farchi, entdeckt. Das gab wieder Gelegenheit zur Folter und zur Arglist, die abwechselnd angewendet wurden, um Eingeständnisse zu erpressen oder durch Mohammed El-Telli und Schibli Vertraulichkeiten den Angeklagten zu entlocken. Auch neues Gebein wurde aufgefunden, und, obwohl Ärzte aussagten, es seien Schafsknochen, so gab sie doch Ratti-Menton als Beweisstück aus, die Mönche lasen eine Messe für sie und legten ihnen Heiligkeit bei. Nur Picciotto blieb standhaft und warf Ratti-Menton und dem Pascha mutig die Unmenschlichkeit ihres Verfahrens vor, allerdings geschützt von dem österreichischen Konsul, einem Italiener Merlato, der allen Drohungen und Gefährdungen zum Trotz nicht zugeben mochte, daß ein österreichischer Untertan ohne triftigen Beweis der Folter unterworfen wurde. Durch diese neue Verwicklung trat eine Wendung in diesem Schauerdrama ein. Merlato hatte lange den Unmenschlichkeiten zugesehen, ebenso wie die übrigen europäischen Konsuln, namentlich der englische, Werry, der mit Ratti-Menton unter einer Decke steckte. Aber endlich riß Merlato die Geduld; er trat freimütig und offen gegen das barbarische und gräßliche Verfahren auf. Dafür hatte er auch viel zu erdulden. Der gemeine christliche Haufe überhäufte ihn mit Flüchen, weil er für die Juden eintrat und seinen Schützling Picciotto nicht den Händen der Kannibalen ausliefern mochte. Sein Haus wurde von Spionen umlagert. Auch die muselmännische Bevölkerung ward künstlich gegen die Juden fanatisiert.

Ratti-Menton seinerseits war unermüdlich, neue Anklagepunkte und Scheinbeweise herbeizuschaffen. Er ließ ein Lügenbuch (Pompta Bibliotheca von Lucio Ferrajo) gegen die Juden, welches ihm die Mönche in die Hand gegeben hatten, ins Arabische übersetzen, worin aus dem Talmud bewiesen war, daß die Juden Blut brauchten, daß sie Christenkinder schlachteten und Hostien schändeten, die dann Wunder getan hätten. Diese ins Arabische übersetzte Schrift übergab Ratti-Menton, der französische Konsul, dem Scherif Pascha und sorgte außerdem für deren Verbreitung unter der muselmännischen Bevölkerung. Auch ließ er zum Zwecke der gründlichen Verfolgung aus Beirut einen giftigen Kapuzinermönch, Franciscus von Sardinien, kommen, welcher die Fähigkeit besaß, Erdichtungen und Lügen den Schein von Wahrheit zu geben. Der Pascha ließ hierauf die drei verhafteten Rabbinen in Einzelhaft bringen und legte ihnen gewisse angeschuldigte Stellen im Talmud zum Übersetzen ins Arabische vor, mit der Drohung der Todesstrafe, wenn sie auf Fälschung ertappt werden sollten. — Besonnene Türken schüttelten allerdings das Haupt bei diesem gegen die Juden gerichteten arglistigen Verfolgungssystem; aber sie schwiegen. Ratti-Menton schloß die Akten und fällte ein Urteil, als wenn es unwiderleglich erwiesen wäre, daß die eingezogenen Juden Mörder des Paters Tomaso waren. Diejenigen, welche noch am Leben waren, sollten enthauptet werden. Scherif Pascha holte zur Verurteilung die Erlaubnis seines Herrn Mehmet Ali ein.



[. . .]



Ratti-Menton sorgte nämlich auch dafür, daß in französischen Zeitungen ein Bericht aus Damaskus in seinem Sinne und mit seiner Färbung der europäischen Welt vorgeführt wurde; die Juden hätten einen Pater und seinen Diener ermordet und das Blut aufgesammelt, um sich dessen zu ihren ungesäuerten Broten für das Osterfest zu bedienen. Den Leichnam des einen hätten sie in den Kanal ihres Quartiers und des anderen in den Keller eines Juden geworfen. Sie hätten eingestanden und bekannt, daß sie das Verbrechen begangen, um die Mysterien ihrer Religion zu feiern. Ohne Ratti-Mentons Eifer wären die Urheber des Verbrechens nicht entdeckt worden, und ohne seine Dazwischenkunft wäre das Judenviertel und die ganze Bevölkerung vernichtet worden. Nicht nur die im Dienste der katholischen Geistlichkeit stehenden Blätter verbreiteten mit Eifer diese Anschuldigung gegen die Juden, sondern auch die liberalen, um Frankreichs Macht im Morgenland zu rühmen. Sie gaben sämtliche von Damaskus aus entstellt übermittelte Tatsachen für wahr aus. Da die Augen Europas damals auf die Verwicklung in der Türkei gerichtet waren, so strömten rasch diese erlogenen Berichte durch die Adern des europäischen Zeitungswesens. Leicht hätte sich der mittelalterliche Haß gegen die Juden erneueren und Blutszenen hervorrufen können. Entsetzen ergriff sämtliche Juden Europas bei diesem Gedanken, daß sie am hellen Tage des neunzehnten Jahrhunderts noch gegen das finstere Gespenst der Blutanklage ankämpfen mußten, um nicht von ihm ins Grab gezogen zu werden.

Allein Gutenbergs Kunst, deren sich die Gewissenlosen bedienten, kam noch mehr den Juden zustatten. Verleumdungen und erlogene Beschuldigungen gegen die Juden konnten nicht mehr wie früher in den Schleier des Geheimnisses gehüllt werden. Es gab mutige Juden, welche der Lüge und Heuchelei die Maske der Tugend abrissen. Ein solcher war Adolph Crémieux, welcher gerade kurz vorher wegen seiner Beredsamkeit Triumphe gefeiert hatte. Bei der ersten Nachricht von den noch dunklen Vorgängen in Damaskus, fest überzeugt, daß die morgenländischen Juden ebenso wie die europäischen rein von Blut seien, eilte er zum französischen Minister, um anzufragen, ob die Regierung nähere Kunde davon habe. Dieser erklärte hierauf, daß er nicht die geringste Kenntnis weder durch den Konsul, noch auf anderen Wegen erhalten habe. Hier zeigte sich schon das Spiel, das mit dieser traurigen Sache getrieben wurde. Mit dem zündenden Feuer seiner Beredsamkeit und dem Mute, welchen eine gerechte Sache gibt, trat Crémieux den geflissentlichen und nachbetenden Verleumdungen in Frankreich entgegen (7. April) und wurde der Mittelpunkt einer patriotischen Erhebung für die französischen Gemeinden. Crémieux war damals Vizepräsident des Zentral-Konsistoriums; an ihn, den berufenen und tatkräftigen Vertreter, wandten sich daher die Juden Frankreichs mit der Bitte, das Lügengewebe, das sich von Damaskus bis nach Frankreich ausbreitete, zu zerreißen.

Wie die französischen, so ermannten sich wie mit einem Schlage die englischen Juden. Sie hatten sich durch Reichtümer und Ehrenhaftigkeit in der öffentlchen Meinung große Achtung erworben. Einige derselben waren zum Ehrenamte von Friedensrichtern (Sheriff) erwählt worden; es war vorauszusehen, daß sie bald ins Parlament Eintritt erhalten würden. Die angesehensten Juden Englands, darunter Baron Nathanael Rothschild und Sir Moses Montefiore, welcher aus frommem Sinne eine Pilgerreise nach dem heiligen Lande gemacht hatte, Salomons und die geachteten Brüder Goldschmid, hielten eine ernste und würdige Versammlung ab (21. April) und beschlossen, die Regierungen von England, Frankreich und Österreich anzugehen, durch ihr Gewicht der Unmenschlichkeit in Damaskus Einhalt zu tun. Crémieux war in London eingetroffen und bei der Versammlung anwesend, um mit ihr gemeinschaftliche Schritte zu beraten. Es war eine beachtenswerte Erscheinung, diese Einmütigkeit hochgestellter Juden, sich ihrer verfolgten Brüder anzunehmen und für die Lauterkeit ihrer Lehre und selbst des Talmud einzutreten. An einem und demselben Tage (1. Mai) begab sich Crémieux zum König von Frankreich, Louis Philipp, und eine jüdische Deputation zum englischen Minister Lord Palmerston, um den Schutz dieser Länder für die Opfer in Damaskus anzurufen.

Louis Philipp antwortete gerührt, aber ausweichend: „Ich kenne die Begebenheit nicht, von der Sie sprechen; aber wenn es auf irgendeinem Punkte unglückliche Juden gibt, die den Schutz meiner Regierung anrufen, und wenn diese etwas durchzusetzen vermag, so werde ich Ihrem Wunsche entsprechen“. Ob diese Erklärung damals ernstlich gemeint war, kann man bei diesem diplomatisierenden Könige nicht wissen. Es wurde allerdings ein Vizekonsul nach Damaskus abgeordnet, der die Sache untersuchen und Bericht erstatten sollte. Aber es war eine untergeordnete Persönlichkeit, die, wie vorauszusehen war, Ratti-Menton leicht täuschen konnte, oder der er gar entgegentreten durfte. Lord Palmerstons Antwort war ehrlicher. Er gab der jüdischen Deputation, die ihm volle Beweise von der Unschuld der Angeklagten in Damaskus [. . .] vorgezeigt hatte, das Versprechen, daß er sofort dem englischen Gesandten in Konstantinopel sowie dem Konsul in Alexandrien werde Ermächtigungen zugehen lassen, alles aufzubieten, um der Fortsetzung solcher Grausamkeiten Einhalt zu tun. Von einer dritten Seite wurden zwar weniger geräuschvolle, aber vielleicht noch wirksamere Schritte getan, um eine günstige Wendung herbeizuführen, von Wien und dem österreichischen Kabinett aus. Der österreichische Konsul Merlato in Damaskus war der einzige, welcher die Bosheit Ratti-Mentons, seiner Helfershelfer und der Mönche durchschaut und ihr mit dem Aufgebot seines soldatischen Mutes Widerstand geleistet hatte. Dafür wurde er auch im Morgen- und Abendlande von den Gegnern besudelt; sie verschrien ihn sogar als Juden, um seine Teilnahme für die Juden zu verdächtigen und zu vereiteln. Desto mehr fühlte sich Merlato moralisch verpflichtet, die Unschuldserklärung der Juden als eine persönliche Angelegenheit zu betreiben. Er gab einen wahrheitsgetreuen und ergreifenden Bericht von der bodenlosen Verlogenheit, welche gegen die Opfer von Damaskus aufgeboten worden war, um sie für schuldig zu erklären. Dieser Bericht, als Rechtfertigung seines Benehmens zum Schutze Picciottos, welchen er zunächst seinem Vorgesetzten, dem Generalkonsul von Ägypten, übermittelt hatte, wurde von diesem als wahr anerkannt und dem österreichischen Minister Metternich zugeschickt. Obwohl Feind der Öffentlichkeit, hatte Metternich doch sämtliche für die Juden günstige Schreiben durch die Zeitungen verbreiten lassen. Durch diese Darstellung wurde Ratti-Menton, den die klerikalen Intrigen als einen Lichtengel verherrlicht hatten, als boshafter Teufel an den Pranger gestellt. Sie führte einen Umschwung in der öffentlichen Meinung herbei, ermutigte die Juden und ließ den Sieg der gerechten Sache voraussehen. Entsprang Metternichs Teilnahme aus eigenem Antriebe, aus Unwillen über die begangene Grausamkeit, oder aus politischer Feindseligkeit gegen Frankreich, um dessen Macht im Morgenlande zu brechen, oder endlich aus Gefälligkeit gegen das Haus Rothschild, dessen sämtliche Mitglieder sich in dieser Sache außerordentlich eifrig ihrer Glaubensgenossen angenommen hatten? Wir wissen es nicht. Jedenfalls ermutigte Metternich die französischen Agenten in Ägypten und Syrien, standhaft für die Juden einzutreten.

In Konstantinopel, im Divan des Sultans, setzten die den Juden freundlichen Vertreter der europäischen Regierungen die Revision des Blutprozesses auf der Insel Rhodos durch. Es war jüdischen Deputierten endlich gelungen, von Rhodos nach Konstantinopel zu gelangen. Auch Nathanael von Rothschild hatte sich dahin begeben, und infolgedessen erließ Abdul Megid einen Ferman (vom 27. Juli), daß die griechische Bevölkerung drei Primaten als Ankläger und die Juden ebenso viel ihrer Vorsteher als Verteidiger nach der Hauptstadt senden sollten. Ein eigenes Tribunal wurde dafür unter Vorsitz des Risaat-Ben zur Untersuchung eingesetzt, und der Erfolg war, daß Jussuf-Pascha seines Postens als Statthalter von Rhodos entsetzt und die des Kindesmordes angeklagten Juden vollständig freigesprochen wurden. Außerdem wurden sie bedeutet, den Ersatz des erlittenen Schadens von denen einzuziehen, die sie ungerechterweise beschuldigt hatten, nämlich von einigen europäischen Konsuln. In drei Monaten war die Sache erledigt (Anfang Mai bis Ende Juli). Bei Mehmet Ali ging es indessen nicht so leicht. Er hatte zwar schon anfangs April dem österreichischen Generalkonsul Laurin versprochen, den Grausamkeiten ein Ende zu machen; aber der französische Generalkonsul Cochelet hielt ihn zurück, und, allzu leichtgläubig auf Frankreich vertrauend, mochte er sich mit dem Agenten der französischen Regierung nicht verfeinden. Aber Laurin war ebenfalls unermüdet, nach der Weisung Metternichs den Pascha von Ägypten aus der Schlinge der französischen Intriganten zu ziehen. Auf seine Anregung richteten die Juden von Alexandrien, mit ihrem Leiter Wakel Israel Madsis an der Spitze, eine beredte und mutige Adresse an Mehmet Ali des Inhalts: „Die jüdische Religion besteht seit mehr als viertausend Jahren. Kann men seit viertausend Jahren in den Annalen ihrer religiösen Einrichtungen ein einziges Wort finden, welches als Vorwand für eine ähnliche Schandtat dienen könnte? Schande, ewige Schande über denjenigen, der dieses glauben könnte. Die Israeliten haben einen Abscheu vor dem Blute und erweitern bis aufs äußerste die Vorschrift ihrer Religion, welche es ihnen zur Pflicht macht, sich dessen zu enthalten . . . . . Aber die alte Feindschaft einer zu mächtigen Partei in Syrien gegen unsere Glaubensgenossen verbreitete diese Lügen. Deshalb sind die achtbarsten Männer Toturen überliefert und Qualen von neuer Erfindung unterworfen worden. Das sind die Mittel, die man anwendet, um ihnen Geständnisse zu entlocken. Ohne Zweifel konnten diese schrecklichen Torturen einigen unter ihnen falsche Erklärungen entreißen. Wenn es eine große Menge Menschen gibt, die stark genug sind, dem augenblicklichen Tode die Stirn zu bieten, so gibt es doch wenige, die fähig wären, Qualen zu ertragen, und in Damaskus sind die Qualen schrecklicher als alle diejenigen, die man in der Welt in Gebrauch hat. Schon hat man Juden sich schuldig bekennen sehen, und ihre Unschuld ist später erkannt worden. Mehr als hundert Kinder starben Hungers im Gefängnisse; so erzeigt man ihrem Volke Gerechtigkeit in Damaskus . . . Wir verlangen nicht Mitleid für unsere Glaubensgenossen, wir rufen nur die Gerechtigkeit an, aber sie sei nur von Ihrer Hoheit allein ausgeübt.“ — Es war schon viel, daß die ägyptischen Juden für die Wahrheit nicht die Bastonade erhielten. Mehmet Ali wußte wohl, wer hinter ihnen stand. Ein besonderes Schreiben Metternichs an den Pascha hat ganz besonders eine günstige Wirkung hervorgebracht. Bei der Verwicklung der orientalischen Frage durfte dieser es am wenigsten mit Österreich verderben, das dem Sultan schneller Hilfstruppen senden konnte, als Frankreich ihm selbst.

Mehmet Ali entschloß sich daher, einen Gerichtshof aus den Konsuln von Österreich, England, Rußland und Preußen zusammentreten zu lassen, welche den Prozeß nach europäischem Verfahren beurteilen sollten. Das Tribunal sollte ermächtigt sein, eine Komission nach Damaskus zu senden und an Ort und Stelle ein unparteiisches Zeugenverhör anzustellen. Ein Befehl ging nach Damaskus an Scherif Pascha, die Folterqualen gegen die Eingezogenen und überhaupt die Verfolgung der Juden einzustellen. Um die Wutausbrüche der Christen in Damaskus, denen der Kamm geschwollen war, zu zügeln, wurden 800 Mann Truppen dahin gesendet. Schon war die Angelegenheit auf dem besten Wege, zugunsten der Wahrheit erledigt zu werden. Die vier als Oberrichter ernannten Konsuln, welche sich nicht getrauten, einen so verwickelten Prozeß zu durchdringen, wendeten sich nach Wien und erbaten sich vier deutsche Richter, Kenner des Strafgesetzes, die Sache zu untersuchen. Aber ein politisches Zwischenspiel störte den eingeleiteten Gang.

Zwischen dem allzu klugen König Ludwig Philipp und dem listigen Staatsmann Thiers bestand ein geheimer Krieg, indem dieser, ein Jünger Talleyrands, nur ohne dessen Fernblick, mit dem Ministerportefeulle spielte und daher mit seiner kleinen Gestalt und seiner großen Phrase ihm immer zwischen die Beine fuhr, jener aber ihn sich so viel als möglich vom Halse hielt. Gerade um diese Zeit (Mai) hatte Thiers dem König einen Streich gespielt und ihn gezwungen, ihm den Vorsitz im Ministerium einzuräumen. Die kleine „Fliege“, wie man ihn nannte, fing allsogleich zu summen an und tat, als ob er den Rhein französisch machen und die orientalische Frage nach Frankreichs Absichten entscheiden könnte. Es war zwar eitel Wind; aber um eine Majorität in der Kammer zu haben, mußte Thiers sich mit der geistlichen Partei, die besonders in der Pairskammer mächtig war, in gutes Einvernehmen setzen. Es durfte also auch nicht eine strenge Untersuchung in Damaskus angestellt werden, damit nicht die Gemeinheit Ratti-Mentons und der Mönche an den Tag käme. Ohnehin war es eine Schmach für Frankreich, daß sein Konsul von der Teilnahme am Obergerichte ausgeschlossen war. Dazu kam noch, daß Thiers auf gespanntem Fuß mit der Finanzwelt, d. h. mit Rothschild, stand, und ihr einen Streich spielen wollte, um sie zur Nachgiebigkeit zu zwingen. Was lag ihm daran, daß noch mehr Juden gefoltert, verstümmelt oder hingerichtet wurden, oder daß gegen die Millionen Juden des Erdkreises der Verdacht, einer Molloch-Religion anzugehören, bestärkt wurde? Er wollte seine kleinen Zwecke durchsetzen. Der französische Generalkonsul Cochelet in Alexandrien erhielt von Thiers die Weisung, Mehmet Ali zurückzuhalten und die Untaten in Damaskus nicht ans Licht ziehen zu lassen. Der ägyptische Pascha, von Thiers' Schwindeleien betört, gehorchte und nahm das den vier Konsuln gegebene Wort zurück. So spann sich das Drama, das bereits dem Ende zuging, wieder weiter. Aber das Ende war Thiers und seinen Schützlingen nicht günstig.

Die Juden aller Schattierungen hatten bereits Selbstgefühl genug erlangt, den Winkelzügen eines Ministers ebenso gut, wie denen eines Konsuls zu begegnen. Achille Fould, den nur noch ein dünner Faden mit dem Judentume verband, betrachtete es ebenso, wie der stockfromme Hirsch Lehren in Amsterdam, als seine Pflicht für die verfolgten Stammesgenossen in Syrien mutig zu wirken. In der französischen Deputiertenkammer (2. Juni) interpellierte er Thiers auf eine so derbe Weise, daß dieser zu Verdrehungen und Beschönigungen seine Zuflucht nehmen mußte: „Der Konsul Frankreichs veranlaßte die Folter; und nachdem die französische Nation nicht allein mit dem Beispiel der Gleichheit „vor dem Gesetze“, sondern auch mit dem der religiösen Gleichheit vorangegangen ist, war es ein Franzose, der Ausnahmemaßregeln hervorrief, seine Zuflucht zur Tortur nahm, die Henker des Paschas unterstützte. Dieses Betragen empörte die anderen europäischen Agenten so sehr, daß der französische Gesandte, aus dem Rate, der sich bildete, ausgeschlossen wurde, denn er war Kläger, die anderen Verteidiger.“ Thiers mußte darauf entgegnen, aber jedes seiner Worte klang wie eine Lüge. Bald sagte er, Ratti-Menton habe nur seine Pflicht getan, bald wieder, er habe noch keine Nachricht, bald wieder, er müsse ihn in Schutz nehmen, weil die Konsuln der anderen Mächte ihm feindselig seien. Zwei christliche Deputierte nahmen sich bei dieser Verhandlung der Juden an. Graf Delaborde, welcher Reisen im Morgenlande gemacht hatte, rühmte gerade von den Juden der Türkei, daß sie sich der wohlverdienten Achtung erfreuten, und daß er wie Lamartine bei den Vornehmsten derselben die herzlichste und biederste Gastfreundschaft genossen habe. „Es mußte mich doch schmerzen, das Schicksal einer achtungswerten Familie (Farchi), die ich in Damaskus kennen gelernt, zu vernehmen, mehr noch aber muß mich der erhobene Verdacht kränken, daß unser Konsul bei den Torturen, unter welchen jetzt so viele gelitten, mitgewirkt habe.“ Thiers' Großsprecherei, daß er im Besitz von Schriftstücken sei, welche Ratti-Mentons Unschuld erhärteten, stellte ein anderer Deputierter, Isambert, den Inhalt eines Berichtes vom apostolischen Missionär, Pater Tomasos Nachfolger, gegenüber, welcher besagte, daß „die Bemühung und der Eifer des französischen Konsuls bei der Tortur der Juden in Damaskus alle Begriffe übersteige“. Die Deputiertenkammer gab zwar dem Minister, der den ritterlichen Charakter der französischen Nation so arg verleugnete, kein Mißtrauensvotum, aber das Mienenspiel der Deputierten verurteilte ihn. Thiers fühlte sich so unbehaglich, daß er einen kleinlichen Ausfall auf die Juden machte, „daß sie durch ganz Europa einen Sturm erregt, sich an sämtliche Staatskanzler gewendet und dadurch bewiesen hätten, daß sie nicht so wenig Einfluß haben, als man vorgibt“. — Freilich mußten sich die Juden zusammennehmen und eigene Tätigkeit entfalten, da die streng kirchlich-katholische Partei in Frankreich, Italien und Belgien sich förmlich verschworen und von oben her einen Wink erhalten hatte, die Tatsächlichkeit der Vorgänge in Damaskus zu verdunkeln und die Juden im Morgenlande und in Europa als Menschenfresser erscheinen zu lassen. In ganz Italien durften die Schriftstücke zugunsten der Damaszener Opfer und gegen Ratti-Menton nicht gedruckt werden; die von Geistlichen geleitete Zensur verbot es. Eine französische Zeitung hatte die getauften Juden aufgefordert, auf ihre Seele und ihr Gewissen zu erklären, ob sie unter ihren ehemaligen Glaubensgenossen oder in dem jüdischen Schrifttume die geringste Spur oder Vorschrift einer solchen Freveltat gefunden hätten, die man den Unglücklichen von Damaskus aufbürdete. Mehrere zum Protestantismus übergetretene Juden in kirchlicher Stellung hatten die Unschuld der Juden an diesem Laster beteuert, unter anderen der als Kirchengeschichtsschreiber und als Mann von zarter Gewissenhaftigkeit bekannte August Neander. Von den Katholiken tat es nur einer, der Hofprediger Veith in Wien, welcher von der Kanzel mit dem Kruzifix in der Hand einen feierlichen Eid leistete, daß an der Beschuldigung gegen die Juden kein wahres Wort sei. Alle übrigen katholisch getauften Juden, die Äbte Drach, Libermann und Ratisbonne schwiegen. Sie hatten zwar alle drei keine spiegelreine Vergangenheit und schwiegen vielleicht, weil sie die Juden, die Mitwisser ihrer Geheimnisse, haßten. Sie mußten vielleicht auch schweigen. Die klerikalen Judenfeinde hatten ein neues Stichwort in die Öffentlichkeit geworfen, der Talmud, den die europäischen Juden kennen und studieren, mag allerdings frei von christenfeindlichen Stellen und von der Aufforderung zum Blutvergießen sein, welche aus Furcht aus den Exemplaren ausgemerzt worden sein mögen. Aber die morgenländischen Juden unter türkischem Regimente besäßen noch den Talmud in seiner Urgestalt voll Menschen- und noch mehr voll Christenfeindlichkeit.

So waren die Juden gezwungen, diesem Bunde der Unreinen gegenüber einen Bund der Reinen entgegenzustellen, die Unschuld der Märtyrer in Damaskus und zugleich die Lauterkeit ihrer Lehre offenbar zu machen, mit einem Worte, sich selbst zu helfen. Das französische Zentralkonsistorium, welches von Ludwig Philipp bündige Zusagen seines Beistandes erhalten hatte, sah sich in seinen Hoffnungen getäuscht. Schmerzlich mußte Crémieux zu seinen Stammesgenossen sagen: „Frankreich ist gegen uns“. Der Notschrei der Juden aus Damaskus, Beirut, Alexandrien, Konstantinopel in Sendschreiben an die Rothschilds, an Mose Montefiore, Crémieux und Hirsch Lehren in Amsterdam hatte es als notwendigen Schritt bezeichnet, daß hochgestellte europäische Juden auf dem Schauplatz der Begebenheiten auftreten müßten, um durchgreifend wirken zu können. So beschloß zunächst das Zentralkonsistorium, den Mann von hinreißender Beredsamkeit aus seiner Mitte mit würdiger Begleitung nach Alexandrien ziehen zu lassen, um Mehmet Ali günstig zu stimmen. Mit dieser ebenso gefahr- wie ehrenvollen Sendung betraut, setzte sich Crémieux mit den jüdischen Spitzen in London in Verbindung.

Hier war nämlich ein Komitee aus den edelsten und angesehensten Juden zusammengetreten, dem selbstverständlich Montefiore und Rothschild angehörten, und dieses faßte in einer Versammlung in der Vorhalle einer Synagoge am 15. Juni den wichtigen Beschluß, daß der erstere mit einer von ihm selbst beliebig erwählten Begleitung im Verein mit Crémieux die Reise nach Ägypten antreten sollte, „um vermöge seiner gewichtigen Stimme und seines Eifers am Hofe des Paschas die Juden von England zu repräsentieren und die verfolgten Brüder im Morgenlande zu verteidigen“. Selbstverständlich wurde auch bei dieser Beratung beschlossen, bedeutende Summen zusammenzuschießen, weil vorauszusehen war, daß solche erforderlich sein würden, nicht etwa um durch Bestechung den schwebenden Prozeß in Damaskus gewinnen zu machen, sondern um durch wirksame Mittel den Urheber des Mordes an Pater Tomaso zu entdecken. Tausend Pfund Sterling wurden von dem Komitee als Preis für den Entdecker desselben ausgesetzt. Die Bereitwilligkeit der Juden, Geldopfer zu bringen, zeigte sich bei dieser Gelegenheit wieder im glänzendsten Lichte. Unbemittelte wie Millionäre spendeten ihre Beiträge für die gerechte Sache. Das Komitee veranlaßte auch, daß sich die unverfälschte öffentliche Meinung, wie sie nur in England durch das Parlament möglich ist, für die Juden aussprechen sollte. Robert Peel übernahm mit seiner gewichtigen Stimme diesen Auftrag.

Die Sitzung des englischen Parlaments (Unterhaus vom 22. Juni) gibt einen interessanten Vergleich zu der Sitzung der französischen Deputiertenkammer in derselben Zeit und derselben Sache. Mit Recht leitete Peel seine Anfrage an die Minister mit den Worten ein, „daß es nur der Erwähnung im Unterhause bedürfe, um die Erreichung des großen Zwecks der Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu erleichtern.“ Lord Palmerston antwortete darauf ganz anders als Thiers, „er habe bereits dem englischen Generalkonsul Hodges die Weisung erteilt, Mehmet Ali vorzustellen, welche Wirkung die Kunde von solchen Grausamkeiten in Europa hervorbringen müsse, und daß es in seinem eigenen Interesse läge, die Sache so zu untersuchen, daß die Schuldigen, wenn solche vorhanden, zur Strafe gezogen, die unglücklichen Schlachtopfer dagegen entschädigt würden, wenn dies noch möglich sei. Er (Lord Palmerston) habe auch dem Konsul Ihrer Majestät in Damaskus Verhaltungsbefehle zugesandt, damit er dem Geschehenen nachforsche und einen genauen Bericht darüber, sowie über den Anteil, den die europäischen Konsuln an der Sache genommen, einsende“. Ein anderes Parlamentsmitglied, Lord Ashley, bemerkte, „er fühle sich gedrungen, dem Eifer und der Tätigkeit des Ministers in Verfolgung seiner Bemühungen zum Besten der Juden von Damaskus und der Juden im allgemeinen öffentlich seine Achtung zu zollen. Er habe kürzlich Briefe aus dem Orient bekommen, welche Gelderpressung als den einzigen Zweck der gegen die Juden verübten schauderhaften Greueltaten bezeichnen“. — Die englische Luft machte auch diejenigen für die Freiheit empfänglich, welche die Knechtung der Geister und Leiber zum Dogma zu erheben pflegten. O'Connel, der feurige irische Agitator für die Gleichstellung der Katholiken in England, regte bei dieser Gelegenheit im Parlamente den Gedanken an, daß auch den Juden dieses Gut zuteil werden möge. „Kräftiger und dringender wären die Bemerkungen gewesen, wenn ein Mitglied dieses Hauses, das dem Glauben der Angeklagten angehörte, sie hätte aussprechen können. Die Regierung sollte ein Gesetz für die völlige Gleichstellung der Juden einbringen.“ So sprach England aus dem Munde seiner würdigsten Vertreter.

Tags darauf (23. Juni) trat eine zahlreiche Versammlung der angesehensten Juden in London in der großen Synagoge zusammen, um die Schlußberatung für die Absendung Montefiores nach Ägypten zu halten. Es zeigte sich bei dieser Gelegenheit, welch einen Kreis von edlen Juden England beherbergte, und von welchem Hochgefühle ihr Geist für das Judentum und dessen Glieder beseelt war. Bis dahin hatten die englischen Juden fast gar nicht in die jüdische Geschichte eingegriffen. Sie hatten sich wegen ihrer geringen Anzahl nur empfangend verhalten. Aber so wie sie zum ersten Male tätig auftraten, haben sie ein mächtiges Selbstgefühl gezeigt und ein erweckendes Beispiel für andere gegeben. Montefiore, de Castro, Rothschild, van Oven, D. Salomons und viele andere sprachen und handelten als selbstbewußte Juden, welche die größten Opfer zu bringen bereit waren, um ihrem angeschuldigten Bekenntnisse zum Triumphe zu verhelfen. Der greise Rabbiner Herschel, der eine Reihe rabbinischer Ahnen zählte bis auf Chacham Zevi und noch höher hinauf, war bei dieser glänzenden Versammlung anwesend. Auch Crémieux hatte sich aus Paris eingefunden. Die Versammlung sprach zuerst den Männern, Christen wie Juden, ihren Dank aus, welche sich mit Eifer für die Unglücklichen von Damaskus verwendet hatten, James von Rothschild, der den Verarmten und Beraubten in Damaskus bedeutende Unterstützung hatte zukommen lassen, Metternich und einen Agenten Laurin und Merlato und auch dem englischen Konsul Hodges. Barnard van Oven hielt eine feurige, doch sachgemäße und mit vielem Beifalle aufgenommene Rede: „Die Verfolgung wütet zwar jetzt nur in einer Stadt Asiens. Wer aber will behaupten, daß es bei den dortigen Auftritten sein Bewenden haben würde, wenn nicht durch die Wirksamkeit dieser und ähnlicher Versammlungen die gegen uns vorgebrachte Beschuldigung vollständig widerlegt, die Bosheit unserer Feinde bewiesen und die niedrigen Beweggründe ihrer Handlungen aller Welt dargelegt sind, bevor es bewiesen ist, daß diese schrecklichen Beschuldigungen nicht bloß unwahr sind, sondern auch nicht wahr sein können, daß diese Dinge nicht nur der Praxis, sondern auch den ersten Grundsätzen unserer Religionsvorschriften schnurstracks entgegen sind?“ Viele Juden hätten zwar Bedenken geäußert, eine Widerlegung der Anklage zu unternehmen, da man sich dadurch beschimpfe; er selbst habe dieses Bedenken geteilt. Aber seitdem es sich gezeigt habe, daß Frankreich, der Sitz der Aufklärung und Wissenschaft, wenigstens dessen Regierung, gegen die Juden Partei genommen habe, halte er es für notwendig, die schreckliche Beschuldigung mit allen Mitteln zu widerlegen.“ Salomons sprach ebensolche ergreifende Worte: „Ich beschuldige den französischen Minister vor dem zivilisierten Europa des Mangels an Menschlichkeit. Ich bin überzeugt, daß dieser unser Ruf überall widerhallen wird, weil der Charakter dieses Landes mächtig von jedem andern abweicht. Unser Vaterland ist immer bereit, Partei gegen Tyrannei zu nehmen, und so werden wir ohne allen Zweifel die Unterstützung des ganzen britischen Volkes haben. Unsere christlichen Brüder werden sich uns mit Eifer anschließen, um den Zustand des ganzen menschlichen Geschlechts verbessern zu helfen.“ Montefiore äußerte sich darauf in einfacher Weise: „Es ist dies keine Gelegenheit, Schmeicheleien zu sagen oder zu empfangen. Wie sehr ich mich auch geehrt fühle, meine einfache und klare Antwort ist: ‚Halten Sie mich für fähig, den Auftrag zu übernehmen, so setze ich jede andere Rücksicht beiseite und sage, ja ich will gehen.’“. ... „Wir gehen, um ... womöglich das dunkle Gewirre teuflischer Taten aufzuhellen, die Verschwörung zu entdecken und die Verschworenen zu beschämen, unsere Brüder im Osten von dem Schandfleck zu reinigen, den Unduldsamkeit, Betrug und Raubsucht auf unsere Nation zu werfen versucht haben.“

Es bedurfte in dieser Versammlung nicht vieler Worte. Der Entschluß stand bei allen fest, alle Anstrengung zu machen und alle Opfer zu bringen, um der Unschuld Genugtuung zu verschaffen. Die Szene dieser hochgestimmten jüdischen Versammlung in London hatte einige Ähnlichkeit mit der in Alexandrien, genau achtzehn Jahrhunderte vorher, als das Judentum zur Zeit des Kaisers Caligula ebenfalls von schamlosen Wichten gebrandmarkt wurde. Damals hatten sich ebenfalls die durch Bildung, Hochsinn und Reichtum hervorragenden Juden zusammengetan, Philo an der Spitze, um die lügenhafte Verleumdung zu entlarven. Aber die alexandrinische Versammlung hatte, von Feindseligkeit umringt, zitternd getagt, die Londoner dagegen fühlte sich ermutigt, umgeben von dem Wohlwollen und der Sympathie der hauptstädtischen Bevölkerung. Auch in der zweiten englischen Gemeinde, Manchester, fand eine ähnliche Versammlung der Juden statt.

Durch solche Kundgebungen des Sieges gewiß, schickte sich Montefiore zur wichtigen Reise an, mit Empfehlungsschreiben von den Staatslenkern versehen und begleitet von den Segenswünschen von Millionen Menschen, unter denen die der Königin Victoria nicht fehlten. Sie erteilte ihm eine Audienz zum Abschiede und stellte ihm ihr Staatsschiff zur Verfügung, welches ihn über den Kanal setzen sollte, — gewiß eine außerordentliche Gunstbezeugung und Teilnahme an dem Geschick der Juden. Sie verstand sich aber damals so sehr von selbst, daß nicht viel davon die Rede war. Montefiore war von Louis Löwe, einem jüdischen Sprachkundigen, begleitet, der im Morgenlande Reisen gemacht hatte. Er wurde auch von einem Rechtskundigen und seiner Frau Judith begleitet, die es sich nicht hat nehmen lassen, die Beschwerden ihres Gatten auf dieser Reise für die Sache ihres Volkes zu teilen. Sie war das Ideal eines jüdischen Weibes, gebildet, hochsinnig, stolz auf ihr Bekenntnis und ihrer Abstammung treu ergeben, eine erfreuliche Lichtseite zu dem Schattenbilde jener drei Berlinerinnen, welche dem Judentume so viel Schmach angetan hatten. Wenn die einst gefeierte und zuletzt vergessene Henriette Herz, welche diese Vorgänge noch erlebte, in ihrem Alter Verständnis für diese überraschende Wendung gehabt hat, so muß sie sich des Abfalls vom Judentum tief geschämt haben. Denn sie war geschaffen, eine Judith zu werden, wenn sie sich nicht von Eitelkeiten zum Verrat an sich und ihrem Stamme hätte verleiten lassen. — Ehe Montefiore mit seiner Begleitung England verließ, erachteten es die beiden Rabbinen der deutschen und portugiesischen Gemeinde Salomon Herschel (starb 1842) und David Meldola, für nötig, einen feierlichen Eid zu wiederholen, den Manasse Ben-Israel und Mose Mendelssohn abgelegt hatten, daß die Blutanklage gegen die Juden auch nicht den Schatten eines Beweises im talmudischen Schrifttume habe und ebenso wenig je durch irgendeine Handlung den Schein einer Tatsache erhalten habe. Gegenüber der gesinnungslosen, klerikalen, französischen und feilen deutschen Tagesliteratur war dieser Eid nicht überflüssig. Katholische Wühler in Frankreich und Belgien besudelten die Juden wenigstens aus einem allerdings verwerflichen, aber doch erklärlichen Grunde und mit dem angelegten Plane, die freien Gewissen wieder in ihre Netze einzufangen. Deutsche Schriftsteller taten es aber aus niedrigen Beweggründen, um das Unglück als eine Erwerbsquelle auszubeuten. Ein gewisser Dr. Philibert hatte an das Rothschildsche Haus in Paris ein Schreiben gerichtet, des Inhalts, daß er gegen eine große Geldsumme in europäischen Blättern zum Vorteile der Damaszener Juden berichten wolle, daß er aber bei verweigertem Sündenlohn die öffentliche Meinung in entgegengesetztem Sinne bearbeiten werde. Dieses deutsche Schreibergesindel ist von den Juden mit Verachtung zurückgewiesen worden. Sie konnten der eigenen Kraft und der Macht der Wahrheit vertrauen. In seinen Hoffnungen getäuscht, fiel das feile Schreibergesindel über die Juden her und vermehrte die Zahl der Lügen und Verleumdungen, welche über diese Damaszener Mordgeschichte ohnehin in Umlauf gesetzt war. Darum waren diese Rabbinen gezwungen, ihren Stolz ein wenig zu vergessen und sich dazu herabzulassen, etwas zu beeiden, was klar wie das Sonnenlicht war.

Wenn indessen die Juden in der französischen und deutschen Tagesliteratur mißhandelt wurden, so gab ihnen England eine Genugtuung, die imstande war, alle Leiden der Juden während der letzten fünfzehn Jahrhunderte, seit der Herrschaft des Christentums, vergessen zu machen. Angesehene Kaufleute, Inhaber großer Bankhäuser und Parlamentsmitglieder, 210 Männer, richteten an den Lord-Mayor Marschall das Gesuch, eine öffentliche Versammlung zu berufen, um ihre Gefühle und ihren wahren Anteil in Hinsicht der Verfolgung der Juden in Damaskus aussprechen zu können. Der Lord-Mayor, selbst von diesem Wunsche erfüllt, ging darauf ein, und so kam eine glänzende Versammlung in London im Mansion-House in der ägyptischen Halle, am 3. Juli zusammen, welche an sich ein großer Sieg war. Viele Damen von Stande hatten sich als Zuhörerinnen eingefunden. Der Vorsitzende Thompson bemerkte gleich im Eingange, „daß die Juden von Damaskus in ihrer Handlung ebenso achtungswert sind, wie die unter uns in England wohnenden. Und von diesen erlaube ich mir zu sagen, daß keiner unserer Mitbürger eifriger bemüht ist, Humanität zu befördern, Armen und Bedrückten zu helfen, Waisen zu beschützen und Literatur und Wissenschaft zu begünstigen als sie, und daß sich ihre Wohltaten nicht bloß auf die beschränken, welche ihres Glaubens sind, sondern daß auch Christen, sowie die Bekenner jedes Glaubens sich derselben erfreuen“. Ein Parlamentsmitglied Smith, sagte, indem er sich erhob, um den ersten Schritt vorzuschlagen. ... „Ich halte diese Anklagen für ebenso falsch, als die Natur derer, welche sie erfanden, grausam und schlecht ist; ich bin gewiß, daß das ganze Land sich mit einer Stimme, mit einem Willen erheben würde, um jene Grausamkeiten, jene Greuel, welche in Damaskus in solchem Grade begangen werden, zu unterdrücken. ... Aber welches ist das Volk, das solchen Leiden unterworfen war? Ein Volk, das durch alles, was die Religion Teures und Heiliges hat, mit uns verbunden ist, ein Volk, dessen Glaube sich auf die Geschichte gründet, das seine künftige, politische und religiöse Wiederherstellung mit unbezweifeltem Vertrauen erwartet, ein Volk, das auf der ganzen Welt mit den Fortschritten des Handels und der Zivilisation eng verknüpft ist, das mit der ganzen Welt in freundschaftlichem Verkehr steht. .... Früher waren sie es, welche die Erziehung des Menschengeschlechtes leiteten; früher übten sie selbst gegen andere diese bürgerliche und religiöse Freiheit aus, welche sie gegenwärtig für sich fordern. Es ist ein Volk, das den besten Beweis gegeben hat von dem Werte, den es auf Freiheit setzt, indem es durch sein Benehmen zeigte, wie sehr es dieses Prinzip ohne Unterschied des Glaubens auf andere angewendet hat; es hat das größte Recht auf die höchste Toleranz.“ Dr. Bowring bemerkte: „Ich habe auch die Ehre, einige der Männer, welche jene Leiden erdulden mußten, persönlich zu kennen und in diesem Augenblicke habe ich ein in Damaskus geschriebenes Dokument in Händen, aus welchem die Wichtigkeit der dortigen jüdischen Bevölkerung hervorgeht, da es mehr als zwanzig Kaufleute in Damaskus gibt, welche mit England mit einem Fonds von 16-18 Millionen Piaster in kaufmännischem Verkehr stehen. Außerordentlich groß wird meine Freude sein, wenn ich glauben darf, daß eine kräftige Fürsprache jener Sendung des Wohlwollens und der Toleranz (des Herrn Montefiore) Beistand leistet; denn ich kann nicht alle die Schwierigkeiten, welche sie in ihrem ehrwürdigen und heiligen Auftrage treffen werden, verhehlen, und wie gefährlich es ist, für die Sache der unterdrückten Juden in Gegenwart ihres Bedrückers in jenem Lande des ärgsten Fanatismus zu reden.“

Ein hoher Geistlicher, Lord Howden, fügte hinzu: „In den geheimnisvollen Wegen der Vorsehung finden wir oft, daß das Gute aus dem Bösen entsteht, und darum hoffe ich und mit mir alle christlichen Freunde der Menschheit, daß die Gesetzgebung dieses Landes ihren Unwillen über die Grausamkeit bekundend, den Juden für die in früheren Zeiten durch dieselbe Gesetzgebung erlittenen Leiden Ersatz bieten werde.“ Allgemein wurde der Antrag angenommen: „Diese Versammlung drückt ihr hohes Bedauern aus, daß in diesem erleuchteten Zeitalter eine Verfolgung gegen unsere jüdischen Brüder stattfinden konnte, welche durch Unwissenheit entstanden ist und durch Frömmelei entflammt wurde.“ Gegen Ende der Versammlung trat O'Connel ein. Er hatte geglaubt, er werde sie anspornen müssen. Als er aber die Flut der Begeisterung für die Juden hochgestiegen sah, fügte er nur hinzu: „Nach den dargelegten Zeugnissen, welche den moralischen Wert der Juden zu erkennen geben, könnte wohl ein Mensch so entartet sein, zu glauben, daß sie des Blutes zu ihren Gebräuchen bedürften? Ist nicht ein Jude ein Muster in jeder Beziehung des Lebens? Ist er nicht ein guter Vater, ein guter Sohn? Sind sie nicht treue Freunde? Sind sie nicht redlich, fleißig?. ... Alle Engländer rufe ich auf, ihre Stimme für die Opfer jener schändlichen Bedrückung zu erheben. Der Ruf möge gehen von einem Ende der britischen Insel bis zum andern, und wenn der Beifall eines Irländers noch fehlt, so bin ich dafür da!“ -

Diese dreistündige Versammlung im Mansion- House bildet eine denkwürdige Episode in der jüdischen Geschichte. Im Namen derselben machte der Lord-Mayor nicht bloß die englische Regierung, sondern auch die Gesandten aller europäischen Mächte mit den Beschlüssen bekannt und forderte sie auf, die Völker und die Fürsten zu veranlassen, ihre Teilnahme für die Juden ebenfalls kundzugeben. So hinreißend wirkte die unverfälschte öffentliche Meinung, daß sich der Kaiser Nikolaus von Rußland gleich der amerikanischen Republik moralisch gezwungen sah, seinen Abscheu vor Folterqualen gegen Juden an den Tag zu legen! Einige Wochen später fand eine ähnliche Versammlung in Manchester statt, und in derselben wurden, obwohl darin größtenteils Geistliche das Wort führten, dieselben Gesinnungen gegen die Juden kundgegeben. Warum hatten solche Ansichten nicht im vierten und fünften Jahrhundert die Oberherrschaft, als das Christentum sich auf den Thron setzte? Wie viel Weh, Tränen und Blut wären erspart worden? Doch der jüdische Stamm sollte durch das blutige Märtyrertum erprobt und gestählt werden.

Montefiore konnte die Reise mit geschwellter Brust antreten. Nicht bloß von der Regierung unterstützt, sondern auch von den Sympathien der besten Männer Englands begleitet, hegte er die besten Hoffnungen. Nicht so leicht wurde es Crémieux. Er wurde von dem französischen Ministerium eher noch gehemmt. Mehrere Unterredungen, die er mit Thiers über die Damaskusangelegenheit hatte, führten zu keinem Ergebnis, obwohl auch Odilon Barrot, Thiers' Freund, an einer Sinnesänderung des Ministerpräsidenten arbeitete. Thiers wollte sich aber stark zeigen. Vielleicht hatte er selbst nicht so viel Schuld, als ihm alle Gutgesinnten beilegten. Möglich, daß Ludwig Philipp mit seiner Schlauheit ihn am Nachgeben hinderte. Er wurde auch in der Pairskammer (10. Juli) von wackeren Männern daran erinnert, daß er durch seine Parteinahme für den Wicht Ratti-Menton Frankreichs Ehre bloßstelle, blieb aber nichtsdestoweniger in seiner zweideutigen Haltung. Die öffentliche Meinung zwang ihn zwar, kleinlaut zu gestehen: „Ich achte die Juden, ich achte sie besonders bei dieser Gelegenheit. Ihr Widerstand macht ihnen Ehre; sie haben sich kräftig gegen das ihnen zur Last gelegte Verbrechen verwahrt. Dies bringt ihnen Ehre in den Augen von ganz Europa. Allein, wenn auch die Regierung die Gefühle, welche die Juden durch ihr Betragen einflößen, vollkommen teilt, so kann sie dennoch die Handlungen eines ihrer Agenten nicht tadeln, auf welchen sie Vertrauen setzen muß, bis zum evidenten Beweise des Gegenteils.“ Seine eigenen Parteigenossen verurteilten ihn und sagten ihm ins Gesicht: „Eine so trockene parlamentarische Sprache sticht sehr auffallend und unglücklich ab von den beredten Zurechtweisungen, von welchen Lord Palmerston und Sir Robert Peel zugunsten der verfolgten Damaszener Juden die englische Tribüne widerhallen lassen.“ Aber die Tatsachen vereitelten Thiers' und des Königs Schlauheit. Während sie glaubten, durch kleinliche Ränke, durch kindischen Trotz und durch Berückung Mehmet Alis Frankreichs Ansehen zu befestigen, schlossen die vier übrigen europäischen Mächte England, Rußland, Österreich und Preußen einen Vierbund (Quadrupel- Alliance, 15. Juli) gegen Frankreich, worin bestimmt wurde, daß dem Sultan Syrien zurückgegeben werden sollte. Thiers' Sturz war bereits vorbereitet, als er sich noch in die Brust warf.

Einen Tag vor dem Abschluß des Vierbundes reisten Montefiore mit seiner Begleitung und Crémieux mit der seinigen nach Ägypten. In Crémieux' Begleitung war Salomon Munk, der die jüdische Wissenschaft würdig und voll vertrat. So fehlte der jüdischen Gesandtschaft nichts von dem, was zum Gelingen einer großen Sache erforderlich ist, Hingebung, reines Gottvertrauen, Beredsamkeit, und tiefe Kenntnis. Auf ihrer Durchreise durch Frankreich wurden diese hochherzigen und mutigen Vertreter der Judenheit überall, wo es jüdische Gemeinden gab, in Avignon, Nismes, Carpentras, Marseille mit Begeisterung empfangen und von Segenswünschen begleitet. In Livorno, wo das Regierungsschiff, das sie trug, landete, beging die portugiesische Gemeinde den Tag mit einer ernsten Feier. Jeder Unterschied in der Judenheit verschwand in der einmütigen Bewunderung dieser Männer, die sich einem so schwierigen Auftrage unterzogen, und in dem Wunsche, daß sie ihn zu gutem Ende ausführen möchten. Ganz Israel war ein Herz und eine Seele. Altfromme Rabbinen ließen für Montefiore und Crémieux Gebete im Gottesdienste einschalten. Jeder Jude, auch der geringste, war bereit, einen Teil seiner selbst zu opfern, um ihnen ihre Aufgabe zu erleichtern.

Sobald sie in Kairo angekommen waren, 4. August, beeilten sie sich, ohne sich Rast zu gönnen, ans Werk zu gehen. Montefiore, vom englischen Generalkonsul Hodges aufs kräftigste unterstützt — er hatte von Palmerston die Weisung dazu erhalten -, bewarb sich sogleich um eine Audienz bei Mehmet Ali (6. August). Freundlich von ihm empfangen, überreichte er ihm eine Bittschrift im Namen der Judenheit, ihm zu gestatten, nach Damaskus zu gehen und dort Untersuchungen über die Vorfälle anzustellen, deren Ergebnis vom Pascha bestätigt werden sollte. Zu diesem Zwecke sollte ihm und seinen Leuten freies Geleite gegeben und die Befugnis erteilt werden, die Gefangenen, so oft es wünschenswert sei, zu sprechen und Zeugenverhöre aufzunehmen. Diese Befugnisse sollten als Ferman in den Straßen von Damaskus öffentlich bekanntgemacht werden. Mehmet Ali geriet dadurch in große Verlegenheit. Gern hätte er in diese Forderung eingewilligt, weil ihm daran lag, in Europa als Fürst der Gerechtigkeit zu gelten. Aber der französische Generalkonsul Cochelet hemmte nach der ihm von Thiers zugegangenen Weisung diese Regung und bot alle Mittel auf, den Schleier ungelüftet zu lassen. Cochelet wollte — gegen den Brauch — nicht einmal Crémieux beim Pascha einführen. Crémieux mußte sich selbst Audienz verschaffen und erhielt wie Montefiore nur ausweichende Antworten. Bald wollte Mehmet Ali durch eine Reise die Sache in die Länge ziehen, bald erwiderte er, er werde es sich überlegen, ob die Untersuchung auf Wunsch der jüdischen Gesandten in Damaskus anzustellen sei oder ob das Zeugenverhör nach Alexandrien in seine Nähe gezogen werden solle. Die orientalische Frage stand gerade damals vor einer Krisis. Jeden Augenblick erwartete Mehmet Ali die letzte Entscheidung der europäischen Mächte darüber, ob er sich dem Sultan werde unterwerfen und seine Selbstständigkeit und das eroberte Syrien werde aufgeben müssen oder nicht. Er mochte es also weder mit England und Österreich, welche für die Juden eintraten, noch mit Thiers oder Louis Philipp, welche Ratti-Menton und die Mönche nicht fallen lassen mochten, verderben. Montefiore schrieb daher an das jüdische Komitee, das unter Vorsitz Hananels de Castro in London bis zur Austragung zusammenblieb: „Ich bin überzeugt, daß gar keine Schwierigkeit stattfinden würde, wenn sich der französische Ministerrat den übrigen anschlösse und fühle, daß in Paris durch Lord Palmerstons Einwirkung auf Thiers so viel geschehen kann, als in Alexandrien, da das französische Interesse unseren Wünschen entgegen ist.“ Durch Mehmet Alis Schwanken schleppte sich die Sache drei Wochen hin. Die jüdischen Gesandten erhielten keine entscheidende Antwort. Sie waren aber nicht entmutigt, sondern sannen auf neue Mittel, zum Ziele zu gelangen. Crémieux kam auf das Richtige. Sämtliche europäische Konsuln, oder so viel sich ihrer dazu bereit erklären würden, sollten in einer Bittschrift die Freilassung der Gefangenen in Damaskus fordern. Neun Konsuln gingen darauf ein; nur der französische nicht. Mehmet Ali erhielt aber Nachricht von der vorbereiteten Bittschrift, und entschloß sich, um nicht den Schein aufkommen zu lassen, als ob er dem Drucke der fremden Mächte durch deren Vertreter nachgegeben habe, den Befehl nach Damaskus abgehen zu lassen (28. August), daß die Gefangenen sofort auf freien Fuß gesetzt werden sollten.

Bei der Nachricht davon eilten Montefiore und Crémieux voll Freude zu Mehmet Ali, und zwischen dem Pascha und Crémieux entspann sich folgendes Zwiegespräch: „Nun, wie fühlen Sie sich heute?“ „Ich fühle mich glücklich.“ — „Ich bin froh, etwas für Sie getan zu haben. Ich habe bereits befohlen, meine Beschlüsse in Wirksamkeit zu setzen.“ — „So mögen Ew. Hoheit bedenken, daß sechs Millionen Israeliten, die über die ganze Erde zerstreut sind, sich mit mir vereinen, ihre Wünsche und Gebete für Sie gen Himmel schicken, und der Himmel pflegt das Flehen der Dankbarkeit zu erhören.“ — „Gott wolle es.“ — „Er wird es wollen! Beweist uns nicht die Geschichte, daß Gott immer diejenigen Fürsten beschützte, die den Juden Schutz gewährten? Er wird in dieser ernsten Zeit über Ew. Hoheit wachen. Darf ich die freudige Nachricht den Juden von Alexandrien und unsern armen Brüdern von Damaskus mitteilen?“ — „Gewiß, meine Befehle sind bereits gegeben, und auch die Konsuln sollen davon in Kenntnis gesetzt werden. Längst durchschaute ich diese Angelegenheit; gleich im Anfange befahl ich die Tortur einzustellen, und seit dem Tage Ihrer Ankunft hat mich diese Sache oft beschäftigt.“ Die beiden Gesandten und ihre Begleiter waren voll seliger Freude. Schon hallten die drei Synagogen Alexandriens von Dankgebeten und Segenswünschen für Mehmet Ali und alle die wider, welche, wie Metternich und die österreichischen Konsuln Laurin und Merlato, teil an der Befreiung hatten. Sie alle waren freudig erregt.

Wie erstaunten aber die beiden Vertreter der Judenheit, als ihnen eine Abschrift von Mehmet Alis Befehl in türkischer Sprache zuging, und der sprachkundige Munk die Worte vorlas: „Die Herren Moses Montefiore und Crémieux haben mich gebeten, die gefangenen Juden in Damaskus zu begnadigen und ihnen Befreiung zu gewähren“ (Achlut Afu u-tachliot sebîl). Es sollte soviel aussagen, daß die Damaszener Angeklagten allerdings schuldig befunden worden seien, daß aber der Pascha Gnade für Recht ergehen habe lassen. Cochelets Hand war dabei im Spiele, damit Ratti-Menton und die mönchischen Henker in Damaskus gedeckt sein sollten. Crémieux eilte sofort zum Pascha, machte ihm begreiflich, daß der Ausdruck „Begnadigung“ einen Makel an den Angeklagten und somit auch an der ganzen Judenheit haften lasse, weil sie dadurch als strafbar erklärt würden. Er verlangte, daß dafür gesetzt werde „Freiheit und Ruhe“ (Itlâk u-terwîh). Mehmet Ali ließ diese Änderung im Ferman anbringen, und somit waren Cochelets letzte Ränke vereitelt; er war voller Bestürzung. Crémieux sprach dabei die denkwürdigen Worte: „Jetzt erst sind wir vollkommen glücklich. Heute erheben sich in allen Synagogen Alexandriens Segenswünsche für Ew. Hoheit. In weniger als einem Monat wird man in allen israelitischen Tempeln Europas die Wohltaten des Himmels auf Sie herabbeschwören, und in zwei Monaten wird Ihr Name auf dem Erdenrunde gesegnet und gepriesen werden.“

Sobald der Befehl in Damaskus eintraf, mußte Scherif Pascha, der Mehmet Alis Strenge kannte, die noch im Kerker befindlichen neun jüdischen Gefangenen sofort freilassen (6. Sept.), ohne Ratti-Menton zu befragen. Es waren darunter sieben, welche von den Folterqualen verstümmelt und nur zwei, welche verschont geblieben waren. Vier Schlachtopfer waren gefallen, die Greise David Arari, Joseph Laniado und zwei Zeugen. Sobald die Nachricht davon sich in Damaskus verbreitet hatte, versammelten sich alle Juden und viele Türken vor dem Kerkergebäude und begleiteten die Dulder bis zur Synagoge, wohin sie sich zuerst begaben, um Gott für ihre wiedererlangte Befreiung zu danken und für Mehmet Ali und ihre jüdischen Beschützer zu beten. Sechs Juden, welche sich der Haft durch die Flucht entzogen hatten, durften in den Schoß ihrer freudig-traurigen Familie zurückkehren. Es zeigte sich dabei, daß angesehene Mohammedaner vom ersten Augenblicke an Abscheu vor der von Ratti-Menton und den Mönchen vertretenen christlichen Gesittung empfanden. Denn sie nahmen den innigsten Anteil an den Juden. Der Konsul Merlato konnte mit Genugtuung auf seine Tat blicken; denn er war es, welcher die Vorgänge in Damaskus zuerst und eindringlich ins rechte Licht gesetzt hatte.

Die Freude der Juden in allen Weltteilen bei der Nachricht von diesem Triumphe ihrer gerechten Sache läßt sich denken. Es war eine nationale Freude, welche die Besten in Europa und Asien mit ihnen teilten. Es blieb noch übrig, von Mehemet Ali die amtliche Erklärung abgeben zu lassen, daß die auf Blutschuld lautende Anklage eine Verleumdung gewesen sei, wofür Beweise genug vorlagen, da es jetzt jedermann in Damaskus frei stand, sich über die traurigen Vorfälle auszusprechen. Auch ließen es sich die jüdischen Gesandten angelegen sein, beim Pascha die Abschaffung der Folter überhaupt durchzusetzen. Allein die politische Verwicklung hinderte die Ausführung dieses menschlichen Vorschlages. Die verbündeten Vier- Mächte forderten gerade damals Mehmet Ali auf, sich ihrem Willen zu unterwerfen, und da er es stolz verweigerte, so landete eine österreichische und englische Schar an der syrischen Küste. Ihr Anführer, General Jochmus, schlug bei Kaleb-Medina am Libanon, am 10. Oktober das bis dahin siegreiche ägyptische Heer. Mehmet Ali mußte sich fügen und das eroberte Syrien nebst Kreta wieder an die Türkei abtreten. So ereilte ihn die Strafe dafür, daß er, aus Gefälligkeit gegen Frankreich, die Blutszenen in Damaskus fast drei Monate seelenruhig mit angesehen hatte. Auch der Klügler Thiers wurde in seinen Sturz mit hineingezogen; er hatte die Fäden der Politik so verwirrt, daß er sich selbst darin verstrickte. Seine Luftschlösser mit Mehmet Ali und mit der Wiedereroberung des Rheins zerflatterten, und er wurde von seinem noch schlaueren Herrn Ende Oktober fortgeschickt. Scherif Pascha wurde, noch ehe die Türken Damaskus besetzt hatten, von Mehmet Alis Schergen in Ketten nach Kairo geschleppt und dort enthauptet — man sagt wegen Verrats. Einer der boshaften französischen Verfolger der Juden in Damaskus, Franšois Salins, wurde von der Menge in Stücke zerrissen. Die fanatischen Katholiken dieser Stadt, welche unter Mehmet Ali sich so viel Ungerechtigkeit erlauben durften, waren gedemütigt oder fühlten sich gedemütigt, weil der angesehene Jude Raphael Farchi wieder in sein Ehrenamt als Beisitzer der Stadträte eingesetzt worden war. Da sie die Juden nicht mehr foltern lassen konnten, so kühlten sie ihren Haß dadurch, daß sie einen Kreuzzug gegen sie anzuregen versuchten. Der Vertreter des griechischen Patriarchen, der Vikar des heiligen Landes, und der Vikar des katholischen Patriarchen, der armenische Bischof Vantabiet, der syrische Bischof Jakob, der Priester Maruni, kurz, die Vertreter dreier christlicher Sekten, die einander spinnefeind waren, vereinigten sich, um von neuem eine Verleumdung gegen die von allen dreien gleich gehaßten Juden zu schleudern. „Die Juden von Damaskus hätten sich erlaubt, die Christen gröblich zu beleidigen, zu beschimpfen und ihnen alle Arten von Demütigungen zuzufügen. Mehrere Christen hätten Klagen wegen des schlechten Betragens der Juden erhoben, wegen ihres abscheulichen Betragens, welches alle Christen demütigt“. Indessen hatte die Mehrzahl der europäischen Christenheit die Wahrheitsliebe der Damaszener Geistlichkeit gar zu gut kennen gelernt, um auf diesen erheuchelten Jammer viel zu geben. Die Häupter des Katholizismus schämten sich hinterher sogar, sich in der Damaskusgeschichte bloßgestellt zu haben.

Die jüdischen Gesandten glaubten ihre Aufgabe noch nicht genügend gelöst zu haben, wenn sie nicht, so viel sie vermochten, einer Wiederholung solcher die ganze Judenschaft brandmarkender Vorfälle vorzubeugen versuchten. In der Voraussicht, daß Syrien mit Damaskus wieder zur Türkei geschlagen werden würde, begab sich Montefiore nach Konstantinopel, knüpfte mit der Pforte, an die er ebenfalls gut empfohlen war, Unterhandlungen an, erhielt mit einigen angesehenen Juden der türkischen Hauptstadt eine Audienz beim Sultan und erlangte einen Ferman (6. Nov.) von demselben, welcher die türkischen Juden in der Zukunft gegen Blutanklagen sicher stellte. Der Ferman erklärte: „Ein altes Vorurteil bestand gegen die Juden, daß sie Menschenopfer brauchten, um Blut für ihre Osterfeier anzuwenden. Durch diese Verleumdung sind die Juden von Damaskus und Rhodus Qualen ausgesetzt worden. Die Falschheit der Anklage gegen die von Rhodus ist vollständig erwiesen worden. Die Religionsbücher der Juden sind außerdem von kundigen Männern untersucht worden, und das Ergebnis der Prüfung hat gezeigt, daß den Juden sogar der Genuß von Tierblut verboten ist, geschweige denn derjenige von Menschenblut.“ „Wir können daher nicht zugeben, daß die jüdische Nation ferner gequält und belästigt werde, wir wollen vielmehr, daß sie laut des Hatti-Scherif von Gül-Hane dieselben Gerechtsame wie die anderen Nationen genieße. Sie soll daher in unserem Reiche geschützt und verteidigt werden. Wir haben daher die gemessensten Befehle gegeben, daß die Juden in unserem Reiche von niemandem in der Ausübung ihrer Religion und überhaupt in ihrer Ruhe gestört werden sollen“.

Crémieux wählte sich ein anderes Feld der Tätigkeit als Montefiore. Das Damaszener Märtyrertum hatte die unerwartete Wirkung, daß die lose Verbindung zwischen den Juden Europas und denen des Morgenlandes fester wurde. Die letzteren sahen mit Bewunderung, wie viel ihre europäischen Brüder durch Bildung, Einfluß und Mut durchzusetzen vermochten, und wie sie von den Fürsten und Großen mit Auszeichnung behandelt wurden, während sie selbst bei jedem Streiche widerstandslos den Rücken beugen mußten. Diese Bewunderung benutzte Crémieux zu einem Versuche, die ägyptischen Juden, wenigstens die der beiden Hauptstädte Alexandrien und Kairo, aus ihrer Unwissenheit zu reißen und für Gesittung empfänglich zu machen. Ihre Unwissenheit, selbst im jüdischen Schrifttum, eine Folge des maßlosen Druckes von seiten des Paschas und der Unterbeamten so wie der unsäglichen Verarmung, war zugleich die Ursache ihrer tiefen Verachtung bei Mohammedanern und Christen. Von dieser Schmach gedachte Crémieux sie zu befreien, und er wurde darin aufs kräftigste von Salomon Munk unterstützt, der wie dazu vorherbestimmt schien, die Mittlerrolle zwischen den europäischen und den ägyptischen Juden, zwischen der Vergangenheit und Gegenwart, zu übernehmen. Munk richtete ein beredtes hebräisches und arabisches Sendschreiben (v. 16. Elul) an die Juden Ägyptens, worin er Beispiele des ehemaligen Glanzes der Juden in diesem Lande, zur Zeit des zweiten Tempels in den Tagen Philos und nachher zur Zeit Maimunis, als sie an der Spitze der jüdischen Geistesbestrebungen standen, dem Schatten des gegenwärtigen Elends der Juden, der Folge ihres geistigen Verfalles gegenüberstellte. Er ermunterte sie, sich aus dem todesähnlichen Schlafe aufzuraffen und Schulen anzulegen, worin ihre Kinder zur Kenntnis des Judentums und des jüdischen Schrifttums, aber zugleich zur Erlangung allgemeiner Schulbildung und gemeinnütziger Kenntnisse angehalten werden sollten. Munk tat für die ägyptischen Juden, was Wessely für die europäischen getan hatte. Aber er wurde dafür nicht mehr wie dieser verketzert. Im Gegenteil, der Rabbiner von Alexandrien war der erste, der die Hand dazu bot, der Arme, der durch die Verarmung der Gemeinde keinen Gehalt beziehen konnte. Ein angesehener Jude Valensino stellte sich an die Spitze eines Vereins, welcher die Gründung von Schulen und die Beaufsichtigung des Unterrichts übernahm. Dann begab sich Crémieux mit Munk nach Kairo. Hier bestand eine große Gemeinde von etwa 300 Familien, davon waren aber nur etwa zwölf sehr reich und fast 200 lebten von Almosen. Auch hier war der Rabbiner Mose Joseph Algasi, ein Greis von sechsundsiebzig Jahren, und ein angesehener Mann Adda mit ganzer Seele für die Gründung von Schulen. Durch die Bemühung dieser und anderer Männer konnte in kurzer Zeit in Kairo eine Knaben- und eine Mädchenschule eröffnet werden (4. Okt.). Sie führten den Namen Crémieux-Schulen. Der Anreger versprach, aus Europa jährlich 6000 Fr. Zuschuß zu verschaffen, weil die Gemeinde nicht imstande war, sie aus eigenen Mitteln zu unterhalten. Munk brachte bei dieser Gelegenheit eine wichtige Versöhnung zustande. Er setzte es gegen den Eifer einiger Stockfrommen durch, daß auch die Kinder der Karäer, von denen es in Kairo nur noch hundert Seelen gab, zu den Schulen zugelassen wurden. Der Rabbiner Algasi unterstützte auch diese Neuerung, welche ein Schritt schien, die Brüderlichkeit zwischen Rabbaniten und Karäern wieder herzustellen. Dadurch angeregt, erließ der Großrabbiner (Chacham Baschi) Mose Fresco ein Rundschreiben (28. Okt.) an die türkischen Gemeinden, daß es Pflicht der Juden sei, die Landessprache, das Türkische, zu erlernen, um dem Wunsche des Sultans entgegenzukommen, der sie durch seinen Hatti-Scherif-Ferman aus der Niedrigkeit erhoben habe. Die Mischsprache, in der dieses Rundschreiben des Chacham Baschi (altspanisch, mit hebräischen und türkischen Wörtern) abgefaßt ist, machte die Notwendigkeit für die Juden, sich einer reinen Sprache zu bedienen, recht augenfällig.

Indessen waren diese Anfänge lediglich in Wüstensand ausgestreuter Same, dessen Wurzelung und Wachstum zweifelhaft war. Sie wurden erst zwei Jahrzehnte später unter dem Namen des „Allgemeinen Israeliten-Verbandes“ (Alliance Israélite Universelle) in großem Maßstabe wieder aufgenommen. Wesentliche und dauernde Früchte brachte die Sendung nach Ägypten der jüdischen Wissenschaft, und zwar durch Salomon Munk (geb. in Glogau 1803, starb in Paris 1867). Man weiß nicht, ob man an diesem Mann mehr den fleckenlosen Charakter oder die opfermutige Hingebung an die Wissenschaft bewundern soll. Er vermehrte die Zahl der großen Charaktere, welche die erste Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts unter den Juden gezeitigt hat, die Krochmal, Rapoport, Luzzatto, Erter, Mannheimer, Riesser, Veit, Sachs und andere um ein leuchtendes Beispiel. Eigen war ihm jene Bescheidenheit, die gewissermaßen mit der Zunahme seiner wissenschaftlichen Bedeutung in stetem Wachstum stieg. Wegen seiner Duldergröße im Unglück und seiner Heiterkeit im Leiden durch seine Erblindung, die er sich im Dienste der Wissenschaft zugezogen hatte, bewunderte ihn Deutschland und Frankreich, sein Geburtsland und sein angenommenes Vaterland; sie haben den Dulder ebenso sehr geliebt wie verehrt. Munk besaß alle Tugenden der Juden ohne ihre Fehler. Die Armut, die an seiner Wiege saß, begleitete ihn nach Berlin, Bonn und Paris, wo er seine Studien machte, aber sie war nicht imstande seinen Mut zu brechen und seinen Wissenstrieb zu hemmen. Wie die protestantischen Theologen des achtzehnten Jahrhunderts, um die hebräische Sprache und die Einzelheiten der heiligen Schrift tiefer zu verstehen, sich auf die arabische Literatur verlegten, so suchte Munk sich mit derselben vertraut zu machen, um mit dieser Wünschelrute die Schätze des jüdischen Schrifttums leichter heben zu können. Gründlich wie er war, und sich nicht mit Halbwisserei begnügend, vertiefte er sich in diese beiden Literaturkreise, den hebräischen und arabischen, und umspannte noch dazu viele andere Wissens- und Sprachgebiete, welche ihm dazu förderlich schienen. So wurde er in dem umfangreichen arabischen Schrifttum einer der ersten Meister seiner Zeit, und die gründlichsten Fachgenossen erkannten ihn als Ebenbürtigen an oder reichten ihm die Palme. In seiner Eigenschaft als Dolmetscher in Begleitung Crémieux' sprach und schrieb er das Arabische wie ein in den arabischen Zelten Geborener; ja, noch feiner, weil er auch in der schönen Literatur heimisch war. Um diese meisterhafte Gewandtheit und Eingelesenheit auf diesem äußerst schwierigen Gebiete zu erlangen, dazu gehört eine opfermutige Hingebung, welche die Gesundheit nicht schont. Gedruckte arabische Bücher gab es zur Zeit, als sich Munk in dieses Schrifttum zu vertiefen anfing, äußerst wenige; er war daher darauf angewiesen, sich nach handschriftlichen Urkunden umzusehen und eine Schrift zu lesen, welche zugleich Geist und Auge angreift. Mit der Zeit erlangte er eine Fertigkeit, die verschnörkelten arabischen Schriftzüge zu enträtseln, die ans Wunderbare streifte. Er erriet Wort und Sinn mit einem sicheren Ahnungsvermögen, das noch zunahm, seitdem er durch das aufmerksame Betrachten der Handschriften sein Gesicht eingebüßt hatte. Sein geistiges Auge ersetzte ihm das körperliche vollständig. Die Finsternis, in der er fast anderthalb Jahrzehnte vor seinem Tode zubrachte, hinderte ihn nicht, hell und scharf zu sehen.

Die Glanzepoche der jüdischen Geschichte im Mittelalter entwickelte sich unter der Herrschaft der Araber im Morgen- und Abendlande; ihre Morgenröte begann mit Saadia, und ihre Sonnenhöhe erreichte sie mit Maimuni. Die Dunkelheit dieses Zeitabschnittes hat Munk gebannt und mit dem vollen Lichte seiner gründlichen Quellenstudien erleuchtet. Die innersten Gedanken Maimunis, des Geisteserweckers, dem der jüdische Stamm zunächst die Wiedergeburt in der Neuzeit verdankt, sind erst durch Munks Forschungen vollständig erschlossen worden. Er hat das Urbild derselben, welches durch häufige Abzüge bereits verblaßt war, wieder hergestellt. Den Stolz der Christenheit, welche sich rühmte, auch im Nebel des Mittelalters Lichtkeime des Gedankens ausgestreut zu haben, demütigte er durch den unwiderleglichen Nachweis, daß ohne die arabische und jüdische Philosophie der mittelalterliche Dunst undurchdringlich für das Licht gewesen wäre, und daß sich die sogenannte christliche Philosophenschule im Mittelalter von den Brosamen jüdischer Denker genährt habe. Diese geschichtliche Tatsache hat Munk so unzweifelhaft festgestellt, daß man kaum mehr von einer selbständigen christlichen Philosophie des Mittelalters sprechen kann. Eine andere geschichtliche Tatsache, die Entstehung der karäischen Sekte und ihre Entwicklung, welche, obwohl sie mächtig zur Gedankenanregung im jüdischen Mittelalter beigetragen hat, kaum in Umrissen bekannt war, hat Munk ebenfalls ans Licht gezogen. Kurz, die jüdische Wissenschaft hat ihm außerordentlich viel zu verdanken. Er hat ihr nicht bloß neuen Stoff in großer Fülle zugeführt, sondern ihr auch Gründlichkeit der Forschungswege gezeigt. Wie Luzzatto neue hebräische Quellen, so hat Munk neue arabische Fundgruben für die jüdische Wissenschaft entdeckt, sie gemeinverständlich und zugänglich gemacht und dadurch die Erkenntnis des Judentums, das er mit seinem ganzen Herzen liebte, vielfach gehoben. Munks Aufenthalt in Alexandrien und Kairo hat seine literarischen und geschichtlichen Forschungen außerordentlich gefördert. Er hat aus diesem seit langer Zeit geistig so unfruchtbaren Boden Schätze für die jüdische Wissenschaft ausgegraben. Munk erkannte tief, daß das Selbstbewußtsein der Juden erst durch die Selbsterkenntnis auf wissenschaftlichem Wege befestigt werden könne.


© Wolfgang Fricke